Brigitte Zakaria  
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 Umwelt

 

 

Es ist noch nicht zu spät

IYOR 2018 – Internationales Jahr des Riffs  

Frühestens nachdem im Jahr 2003 der kleine Anemonenfisch Nemo und sein Vater Merlin die Herzen von Millionen von Zuschauern bewegten, die im Animationsfilm „Finding Nemo" von Andrew Stenton und Lee Unkrick die Abenteuer der beiden am Korallenriff, in den Tiefen des Ozeans und mit der menschlichen Zivilisation mitverfolgten, sind uns die Bewohner der Meere näher gekommen. Der Folgefilm „Finding Doris" im Jahr 2016 war nicht minder berührend. Seitdem haben viele Menschen, auch diejenigen, die es nicht unbedingt ans bzw. ins Meer zieht, eine Ahnung, wie es an einem Korallenriff zugeht. 

 Was sind Korallen? 

Unter dem Begriff Korallen wird eine größere Anzahl von Meerestieren zusammengefasst, deren Grundform ein Polyp ist, d.h. ein kleines kelchförmiges Lebewesen, dessen Fuß am Grund festsitzt, und dessen oberes mundförmiges Ende von einem Kranz nesselnder Tentakeln umgeben ist. Zu dieser Gruppe gehören die skelettlosen Seeanemonen, die Feuerkorallen mit hartem Skelett, die bizarr verzweigten farbigen Fächerkorallen, welche senkrecht in der Strömung stehen, die Lederkorallen sowie die für den Aufbau und die Stabilität heutiger Korallenriffe so wichtigen Steinkorallen.  

Die Steinkorallen-Polypen haben einen Durchmesser von mehreren Millimetern bis Zentimetern und ernähren sich vor allem von tierischem Plankton. Sie nehmen gelöstes Kohlendioxid (CO2) aus dem Meerwasser auf, bilden mit dem im Meerwasser gelösten Calcium Calciumcarbonat (CaCO3), womit sie ihr Kalkskelett aufbauen. Die Polypen leben in Kolonien und geben mit ihrem Kalkskelett dem Korallenriff die Form und Struktur. Durch eine Symbiose mit farbigen Algen (Zooxanthellen), die Fotosynthese betreiben, werden die Polypen mit Glucose versorgt und erhalten ihre wunderschöne farbige Ausstattung. Die Algen bekommen von ihrem Wirt wichtige Stoffwechselprodukte und sitzen geschützt in der äußeren Zellschicht der Polypen.

Die Gestaltung und Ausformung der Steinkorallen sind von einem unvorstellbaren Reichtum, sie zeigen sich in verzweigten Ästen, Kugeln und Türmen sowie in schlangenförmigen Labyrinthen und bieten so zahlreichen Fischen, Muscheln, Röhrenwürmern und anderen Kleintieren Schutz vor Fressfeinden.  

Die einzelnen Korallenarten legen unterschiedlich schnell an Größe zu. Während die massigen Salatkorallen sehr langsam wachsen, oft nur einige Millimeter im Jahr, vergrößern sich die Steinkorallen ca. 25 cm und die Geweihkorallen bis zu 40 cm jährlich. Die Steinkorallen haben mit anderen Riffbildnern im Laufe von Jahrtausenden große Korallenriffe, wie zum Beispiel das 2300 Kilometer lange Great Barrier Reef in Australien, gebaut. Die Barriereriffe schützen die dahinterliegende Küste und die dort angesiedelten Menschen vor der zerstörerischen Kraft des von Stürmen aufgepeitschten Meeres mit seinen gigantisch hohen Wellen und Brandung.  

Für das Wachstum und das Überleben braucht das Korallenriff eine Wassertemperatur von 20 bis 29 Grad Celsius und einen leicht basischen Wasser pH-Wert um die 8,0 durchschnittlich.

 

Abb.1: Gesunder Abschnitt des Hausriffes vor Soma Bay (Rotes Meer) im Jahr 2015 mit verschiedenen Steinkorallenarten, Falterfischen, Picassofisch, Doktorfisch (mit freundlicher Genehmigung von Frau Prof. Dr. Gisela Brünner, Dortmund)

 

 

Wodurch sind die Korallenriffe bedroht?  

Durch zahlreiche Pressemitteilungen und Filme wissen wir, dass dieses Ökosystem in seiner Diversität und Existenz weltweit bedroht ist. Wenn Steinkorallen unter „Stress" geraten, was durch eine erhöhte Wassertemperatur von 1-2 Grad Celcius über einige Wochen, starke UV-Einstrahlung, pH-Wert–Änderung des Meereswasser hin zu einer stärkeren Ansäuerung, durch Schadstoffe oder Virus-, Bakterien- oder Pilzbefall ausgelöst werden kann, dann eliminieren sie die farbigen Algen, die Zooxanthellen, aus ihrem Gewebe. Der Grund dafür ist, dass bei hoher Wassertemperatur und vermehrter UV-Strahlung verstärkt Sauerstoffradikale bei der Fotosynthese der Zooxanthellen entstehen, die zusammen mit vermehrtem Stickstoffmonoxid sehr reaktive toxische Moleküle bilden, die die Korallen loswerden wollen. Das Ergebnis ist ein Farblos-werden der Korallenpolypen (Korallenbleiche, coral bleaching), die noch eine Zeitlang ohne ihre Symbionten überleben können. Sie werden aber mit der Zeit immer schwächer, da die ausreichende Glucosezufuhr durch ihre Symbionten fehlt. Sobald sich die Umweltbedingungen wieder verbessern, können die Steinkorallen neue Zooxanthellen einfangen und in ihrem Gewebe ansiedeln. Dann kann sich das Riff wieder erholen. Die Zooxanthellen werden durch die Strömung angespült oder durch Falterfische zu den Korallen transportiert. Falterfische fressen Korallenpolypen. Die nicht verdauten Algen werden dann durch den Kot an einer anderen Stelle des Riffs ausgeschieden und so verteilt.  

Wenn sich die Umweltbedingungen nicht verbessern, sterben die Korallen ab, und es bilden sich große Flächen gebleichter Korallensklelette. In manchen Gebieten werden sie von Schleimalgen überwuchert. Es kommt zu einem sogenannten Regimewechsel. Die ursprünglich farbigen Steinkorallenriffe werden allmählich durch Weichkorallen, Schwämme und Algen ersetzt. Die am schwersten von diesem Regimewechsle betroffenen Riffe liegen in der Karibik. Hier wurde ein Verlust von 80% der Korallenbedeckung innerhalb der letzten 30 Jahre beschrieben. In den meisten Fällen sind nun an die Stelle der riffbildenden Korallen den Meeresboden bedeckende schleimige Algen getreten. Algenfressende Fische, wie die Papageifische, oder Seeigel vertilgen zwar teilweise die wuchernden Algen. Dabei werden aber auch Teile der Korallenskelette zerkleinert. Muscheln und Schwämme bohren sich in die toten durchlöcherten Korallen, die irgendwann in sich zusammenfallen und nach und nach zusammen mit Muschelschalen zu feinem weißem Sand zerrieben werden.  

Eine Neubesiedlung mit Korallenlarven kann nur dann wieder geschehen, wenn sich in der Umgebung noch lebende Korallen befinden, die fortpflanzungsfähig sind, und wenn die Umweltbedingungen stimmen. Es dauert aber Jahrzehnte bis ein komplettes Riff wieder aufgebaut ist.  

Das Auftreten von weltweiten Ausbleichungsereignissen hat in den letzten Jahren zugenommen. Während es vor 1979 nur in den Jahren 1911, 1921 und 1961 zu umfangreicheren durch erhöhte Meereswassertemperaturen ausgelösten Bleichungsereignissen kam, sind nach 1979 bis heute weltweit mehrere großräumige Korallenbleichen, zuletzt in 1998 und 2010, beobachtet worden. Durch die schnellere Folge dieser Bleichungsereignissen bleibt den Riffen nicht mehr gut Zeit zur Erholung, was zu einer finalen kompletten Schädigung beiträgt.  

Den derzeitigen Anstieg der Meeresspiegel von durchschnittlich 3,4 mm können die Korallen durch ein Höhenwachstum, was maximal 15 mm im Jahr betragen kann, noch ausgleichen. Wie dies sich zukünftig entwickeln wird, ist noch nicht abzusehen, zumal das Wachstumspotential der Korallen durch die anderen Stressfaktoren, besonders durch die Ansäuerung und die Erwärmung des Meereswassers, erheblich beeinträchtigt ist.  

Eine Zerstörung der Korallen kann aber auch rein mechanisch erfolgen. Die Wucht, mit der die Brandung des Meeres bei einem Hurrikan auf das Riff aufschlägt, lässt ein Großteil der feinen Kalkskelette brechen. Auch hier gibt es eine Regeneration. Wenn aber die zeitliche Folge der Hurrikans zu dicht aufeinander geschieht, ist die natürliche Regenerationszeit unterschritten.  

In den Touristenzentren tragen auch die Touristen und Taucher selbst, die häufig wegen der Schönheit der Unterwasserwelt diese Destinationen bereisen, zur mechanischen Zerstörung eben dieser durch Abbrechen und Zertreten sowie Ankern der Boote bei. Die Verschmutzungen des Wassers durch Schadstoffe, Motoröl, Sonnencreme oder die mechanische Beeinträchtigungen durch Taucher und Boote tragen eher zu einer lokal begrenzten Zerstörung bei. Meerwassererwärmung und -ansäuerung verursachen jedoch ein Absterben von sehr großen Bereichen.  

Wie wichtig sind Korallenriffe für die Erde?  

Durch die Kalksklelette erreichen die Korallen eine komplexe dreidimensionale Raumstruktur, die zahlreichen Lebewesen einen Lebensraum bietet. Diese Fülle an Kleinstlebensräumen (Habitatdifferenzierung) fördert die Spezialisierung und damit die Vielfalt (Biodiversität) der tierischen und pflanzlichen Lebewesen in diesem Ökosystem. Zusammen mit den tropischen Regenwäldern stellen die Warmwasser-Korallenriffe die Lebensräume mit der höchsten Biodiversität auf der Erde dar.  

Aber es geht nicht nur um die unendliche Schönheit der Unterwasserwelt, um die grünblauen durch Korallenriffe gebildeten Lagunen mit palmenbewachsenen Stränden, die für viele Menschen eine paradiesische Anziehungskraft besitzen, es geht um mehr.  

Seit Millionen von Jahren sehen die Korallenriffe so aus, wie wir sie vom Great Barrier Reef, von Belize oder vom Roten Meer her kennen. Der mit den Steinkorallen in Symbiose lebende Algentyp begann schon seit dieser Zeit die flachen Meeresbereiche zu erobern. Seitdem haben die Korallenriffe große Menge an Kohlendioxid aus der Atmosphäre gebunden, in Kalkstrukturen umgewandelt und damit unschädlich gemacht. Zugleich wurde Sauerstoff produziert, ohne den höheres Leben und damit auch der Mensch selbst nicht hätte entstehen können. Jetzt ist dieses ökologische System aus dem Gleichgewicht geraten, und die extrem hohen Mengen an Treibhausgasen können nicht mehr effektiv umgebaut werden. Die dezimierten Regenwälder schaffen dies nicht mehr alleine. Was dies für unseren Planeten in Zukunft bedeutet, ist nicht bis ins Letzte kalkulierbar.  

Darüber hinaus dienen die Riffe, wie oben erwähnt, als Barriereschutz für die Küsten, so dass bei ihrem Untergang die menschlichen Behausungen ungeschützt den Gewalten der Meere ausgesetzt sind.  

In zahlreichen Ländern lebt die küstennahe Bevölkerung vom Fischfang, der durch den Rückgang der Fischbestände in den abgestorbenen Riffen nicht mehr ausreichend zur Ernährung und zum Einkommen beitragen kann. Hier ist das Leben vieler Menschen existentiell bedroht.  

In zahlreichen Küstenregionen, wie z.B. am Roten Meer, stellt der Tourismus, besonders der Tauchtourismus, eine wichtige Einnahmequelle für die einheimische Bevölkerung dar. Sind die Riffe zerstört, woran der Massentourismus ja mitbeteiligt ist, werden sich die Taucher andere Destinationen suchen. Leider stellen sich die Touristenorte schnell auf eine neue Klientel ein, so dass aus diesem Grund dem Schutz der Korallenriffe nur eine untergeordnete Bedeutung zugeschrieben wird.  

Die Produktion bioaktiver Substanzen, besonders durch Schwämme, die sich in das Kalkgestein des Korallenriffs gebohrt haben, um dort geschützt vor Fressfeinden zu leben, hat das Interesse pharmazeutischer Forschung geweckt. Vielleicht können zukünftig daraus neue antibiotische und entzündungshemmende Substanzen entwickelt werden. Einige befinden sich schon in der klinischen Testung gegen Malaria, verschiedene bakterielle Infektionen und sogar Krebs.  

Was wird für die Erhaltung und Regeneration der Korallenriffe getan?  

Sollten wir zuversichtlich sein und davon ausgehen, dass die Evolution das Problem des Riffsterbens schon selbst regulieren wird? Tatsächlich zeigen Beobachtungen, dass an einigen Orten die Korallenpolypen neue Algensorten aufnehmen, die hitzestabiler sind, und die die Erwärmung des Meereswassers besser aushalten, ohne Toxine zu produzieren. Dies sind aber bisher Einzelbeobachtungen. Im Allgemeinen kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die Evolution für solche selbstregulierende Prozesse vielmehr Zeit benötigt als die schnellen Veränderungen, die durch den Einfluss des Menschen bedingt sind. Also Zurücklehnen und einfach Zuwarten ist wohl nicht die ideale Problemlösung.   

Weltweit entstanden Vereinbarungen und Programme, teilweise unter dem Dach der Vereinten Nationen, teilweise als nationale Initiativen, die den Schutz bzw. die Regeneration von Korallenriffen zum Inhalt haben:  

Meeresschutzgebiete werden ausgewiesen, um die Korallenriffe vor Überfischung und Zerstörung durch den Tourismus zu schützen.  

Es gibt wissenschaftliche Versuchsreihen, in denen Steinkoralleneier und –larven, die befruchtet wurden, gesammelt werden. Sie wachsen in Aquariumbecken zu größeren Polypen heran, die dann wieder im Riff ausgesiedelt werden.  

Maßnahmen werden diskutiert, hitzestabile Symbionten in größerem Masse an den geschädigten Riffen auszubringen, um Korallen widerstandfähiger gegen die Wassererwärmung zu machen. Da es sich dabei um einen Eingriff in ein sensibles Ökosystem handelt, gibt es zahlreiche Stimmen, die vor den noch nicht abzuschätzenden Konsequenzen warnen, ebenso wie vor dem Einbringen von gentechnisch veränderten Korallen.  

Eine direkte Verpflanzung von jungen gesunden Korallenzweigen wie Stecklinge oder deren Anbringen an Stahl- oder Betonkonstruktionen funktioniert tatsächlich. Der personelle und materielle Aufwand ist jedoch kostenintensiv und eignet sich eher zum Aufbau kleinerer Areale und nicht so sehr zur „Aufforstung" großer Riffe. Dennoch ist vor den Malediven eine großflächige Aufforstung im Gange. Jeder Interessierte kann mit einer Spende dieses Korallenprojekt „reefscapers" unterstützen. Die Korallengerüste werden mit dem Namen des Spenders markiert und halbjährlich fotografiert. So können die Spender online das Wachstum „ihrer Korallen" verfolgen. Von der Versenkung von Schiffwracks mit künstlichen Korallenansiedlungen wird wegen der zunehmen Verschmutzung durch Motoröl und anderen chemischen Stoffen Abstand genommen.  

Die Reduzierung der Emission von Treibhausgasen, insbesondere des Kohlendioxids, wird auf Klimakonferenzen zwar immer wieder diskutiert, Ziele werden vage formuliert bzw. nicht eingehalten. Der höchste Zuwachs wird im Personenverkehr (PKW/LKW, Flugzeug, Bus) und durch eine schlechte Energiebilanz in den Haushalten infolge mangelnder Wärmeisolierung der Gebäude erwartet. Ein Umstieg von fossilen auf regenerative Energiequellen würden die Emissionen verringern.  

Warum IYOR 2018?  

Kann das Ausrufen eines Internationalen Jahres der Riffe (IYOR =International Year Of the Reef) etwas bewirken?

Das erste Jahr des Riffes wurde 1997 ausgerufen, nachdem Sporttaucher über die Veränderungen an den Riffen berichtet haben. Seitdem haben sich die Beobachtungen über den Zustanden der Korallen intensiviert. Wissenschaftler, Umwelt- und Tourismusverbände sowie die Öffentlichkeit fordern gesellschaftliches und politisches Handeln. Im zweiten Jahr des Riffes 2008 wurden besonders in Deutschland - damals als Gastgeber der 9. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konvention zur Biologischen Vielfalt - durch zahlreiche Informationsveranstaltungen, Vorträgen, Ausstellungen und Publikationen das Interesse der Öffentlichkeit an diesem Thema geweckt. 6

Zu Beginn dieses Jahres 2018 wurde das dritte Jahr des Riffes (IYOR 2018) ausgerufen. Anlass waren die Beobachtungen der schwersten globalen Korallenbleichen der Geschichte in den letzten zwei Jahren. 90% des Great Barrier Reef sowie zahlreiche andere Riffe weltweit waren davon betroffen. In mehr als 65 Ländern der Erde wurden Initiativen größtenteils durch NGOs (Nichtregierungsorganisationen) eingeleitet, um ein Bewusstsein für den ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Wert der Korallenriffe zu implementieren. Darüber hinaus wurden Maßnahmen initiiert, die den Schutz dieser wichtigen Ökosysteme zum Inhalt haben.  

Eine wichtige Kooperation ist die Unterstützung der Non-Profit-Organisation Reef Check, an der jeder Taucher oder Schnorcheler mitarbeiten kann. Ursprünglich von dem Meeresökologen Dr. Gregor Hodgson mit dem Hauptsitz in Los Angeles gegründet, hat sich ein weltweites Netzwerk entwickelt, mit dem Ziel, die Entwicklung an den Riffen zu dokumentieren und ökologische und ökonomisch machbare Methoden in Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung zum Schutze der Riffe zu entwickeln. Jeder interessierte Laie kann mitarbeiten. Nach einer von Wissenschaftlern durchgeführten Schulung ist er befähigt, gemäß einer Standardmethode beim Monitoring eines ein Riffs zu helfen. Die erhobenen Daten werden vom Standortleiter in die internationale Datenbank eingegeben, die dann in der Zentrale in Los Angelos ausgewertet wird. Die Datenbank ist für alle einsehbar unter: http://data.reefcheck.us/.

Jede Initiative, sei es eine Publikation, ein Vortrag oder eine Ausstellung, die dazu führt, dass die Veränderung der Korallenriffe einem größeren Publikum bekannt gemacht wird, trägt indirekt zu einem vermehrten Engagement bei. Denn wir setzen uns nur für etwas ein, was wir kennen.

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 2: Ergebnisse der Reef Checks von 2009 bis 2015 in den Riffen vor Soma Bay, Rotes Meer. Anteil der Steinkorallen (dunkelblau) in Abhängigkeit von der Meerestemperatur (mit freundlicher Genehmigung der Tauchbasis im Robinson Club, Soma Bay).

 

 

 

 

 

Abbildung 2 zeigt die Daten des jährlichen Reef Checks von 2009 bis 2015, der regelmäßig im Robinson Club Soma Bay am Roten Meer durchgeführt wird. Es ist deutlich zu erkennen, dass der Anteil der Steinkorallen (dunkelblau) im Jahre 2010 durch die weltweite Meereserwärmung über 26 Grad erheblich reduziert war. Sie haben sich jedoch erfreulicherweise an diesem Standort ab 2012 wieder erholt und ihr Bestand ist bis 2015 weitgehend konstant geblieben bzw. hat sogar leicht zugenommen.  

Ausblick  

Trotz der düsteren Prognosen sind sich alle Wissenschaftler einig, dass es nicht zu spät ist, sich kraftvoll für den Schutz des für die Erde so wichtigen Ökosystems einzusetzen. Korallenriffe können sich wieder erholen, wie die Abbildung 2 so deutlich zeigt, wenn sich die Umweltbedingungen wieder zu ihren Gunsten verändern. Auf politischer Ebene könnte durch strengere Regelungen der Ausstoß der Treibhausgase verringert werden. Doch bis sich die Staaten der Erde auf ein wirksames globales Ziel einigen und ökonomische und ökologische Interessen gegeneinander abgewogen zu einer gemeinsamen Strategie führen, können wir, die Bewohner des „blauen Planeten" schon etwas tun: für das Thema interessieren und mitdiskutieren, mitmachen (Reef Check), Projekte unterstützen, besser eine längere als viele kurze Flugreisen unternehmen, nachhaltig gefangene Fische essen und vielleicht sogar den eigenen Lebensstil überdenken u.v.m. Engagement macht Sinn, Erfüllung und Freude.  

 

 

Weiterführende Literatur  

Leinfelder R, Heiß G, Moldrzyk U (eds.): „abgetaucht". Begleitbuch zur Sonderausstellung zum Internationalen Jahr des Riffes 2008. Leinfelden-Echterdingen: Konradin Verlag 2008  

Van Treeck P: Korallenriffe – Lebendige Metropolen im Meer. Darmstadt: Verlag Theiss 2017  

https://iyor2018de.blogspot.com/ eingesehen am 15.8.2018  

https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/die-zukunft-der-korallenriffe-auftakt-zum-internationalen-jahr-des-riffs-iyor-2018-deutsche-aktivitaeten/ eingesehen am 15.8.2018  

http://www.reefcheck.org/ eingesehen am 15.8.2018  

http://reefscapers.com/reefscapers-coral-propagation/ eingesehen am 10.11.18  

 

Dr. Brigitte Zakaria, El Gouna, November 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Psychologische und Philosophische Lebensthemen

 

Wieviel geht noch?  oder  Stay under your limit

 

 Brigitte Zakaria

 

Sie kommt in die Praxis, schätzungsweise Ende Dreißig, schlank, sportlich, geschmackvoll gekleidet. Eine moderne junge Frau, mitten im Leben stehend. Die Körperbewegungen drücken noch einen Rest von Vitalität aus. Gut vorstellbar, wie kraftvoll und dynamisch sie vor einiger Zeit noch gewesen sein muss. Jetzt hängen die Schultern, leicht vornübergebeugt, die Körperhaltung zeigt Erschöpfung, ein „Niedergedrücktsein“. Schatten unter den Augen verraten schlaflose Nächte. Die Lippen zusammengepresst, um mit aller Kraft etwas zurückzuhalten, als würde sonst der gesamte Schmerz, die Verzweiflung, die Traurigkeit wie ein reißender Gebirgsbach aus ihr herausbrechen.

„Ich kann nicht mehr“, stößt sie hervor und lässt sich auf den Stuhl fallen, der Blick hilfesuchend in meine Richtung. Nach vorsichtigem Fragen finde ich heraus, dass sie, Abteilungsleiterin in einem mittelständigen Unternehmen, nach einem Meeting in ihrem Zimmer zusammengebrochen ist. Herzrasen, Schwindel – und es ging gar nichts mehr. Die Sekretärin alarmierte den Notarzt. In der Notaufnahme der Klinik wurde nichts gefunden. Alle Organe seien gesund, sie wurde noch einen Tag zur Beobachtung da behalten und von Kopf bis Fuß durchgescheckt. Alle Werte liegen im normalen Bereich. „Aber ich habe mir das doch nicht eingebildet“, schamvoll blickt sie nach unten. Und dann das Gerede in der Firma, sie, die immer alles hundertprozentig vorbereitet hat, die sich und den Mitarbeitern keinen Fehler durchgehen lässt. Sie, die immer als Erste morgens schon am Schreibtisch sitzt, und abends als eine der letzten die Firma verlässt. Danach heißt es, noch „schnell“ die Kinder von der Tagesmutter abholen, einkaufen, zuhause aufräumen, Abendbrot machen, die Kinder ins Bett bringen. Die wollen ja auch immer noch spielen – nachdem sie die Mutter den ganzen Tag nicht gesehen hatten, sie hängen an ihr. Das Zubettgehen ist immer eine unendliche Strapaze und zieht sich in die Länge, bis sie selbst bei der Gute – Nacht - Geschichte einschläft. Ihr Mann kommt gewöhnlich spät nach Hause, ebenfalls beruflich erfolgreich, in führender Position. Lange Arbeitstage und Dienstreisen an der Tagesordnung, das bringt ein verantwortungsvoller Beruf so mit sich. Oft sieht er die Kinder abends gar nicht mehr, sie schlafen schon. Ihre Bitte, er möge ihr doch einen Abend das Zubettbringen abnehmen, verspricht er zu erfüllen, schafft es aber nur selten, zu viele Besprechungen, und dann noch die Videokonferenzen mit USA, die können ja nur am Abend stattfinden wegen der Zeitzonen. So fühlt sie, dass doch wieder alles auf ihren Schultern liegt. Ändern? Wie denn, wo beginnen? Der Beruf ist ihr Traum, dafür hat sie lange studiert und sich in der Firma hochgearbeitet. Es war nicht leicht, sich in der „Männerwelt“ als einzige Frau in einer Führungsposition zu behaupten. Sie hat es geschafft, aber sie hat dafür doppelt so viel geleistet, wie ihre männlichen Kollegen. Es hat „Spaß“ gemacht. Und Lob und Anerkennung vom Vorstand hat sie beflügelt. Sie ist bereit noch mehr zu leisten. Es ist wie in einem Rausch. Die Beförderung, das eigene große Arbeitszimmer, die Sekretärin, sie ist wichtig geworden. Ohne sie geht nichts mehr in ihrer Abteilung. Früher gab es ab und zu noch einen Plausch mit den Kollegen in der Kaffeeküche, da wurde gelacht, ein bisschen gejammert oder auch über den einen oder anderen ein wenig hergezogen. Das kann sie sich jetzt nicht mehr erlauben. Es ist einsam geworden um sie. Aber das spornt sie nur noch mehr an, sie will noch mehr Erfolge für sich verbuchen, sie will mehr Lob und Anerkennung. Es macht süchtig. Und es ist ja alles im Sinne der Firma – mehr Umsatz, mehr Wachstum, Erfolg.

Ihren Mann hat sie während des Studiums kennengelernt. Sie sind bald ein Paar geworden. Sie haben die gleichen Ziele. Der berufliche Erfolg steht an erster Stelle. Der Traum von einem schönen Haus mit Garten, zwei schicke Autos. Ja, sie haben alles geschafft, auch die zwei wohlgeratenen Kinder. Die Geburten hat sie zwischen zwei Großprojekten eingeschoben. Sie war stolz auf ihre Leistungsfähigkeit. Nach den Entbindungen war sie gleich wieder am Arbeitsplatz. Die Kollegen staunten und bewunderten sie. Zuhause kümmerte sich die Haushälterin um alles.

Alles ist perfekt durchgeplant. Es ist auch bis jetzt nichts dazwischengekommen. Und nun der Zusammenbruch, welch eine Blamage. Warum kann sie sich nicht mehr auf ihren Körper verlassen? Sie war doch immer sportlich: 10 km Joggen am Sonntagmorgen, wenn die Familie noch schläft, Skitouren im Winter. Sie konnte mit den Männern mithalten. – Und jetzt diese unendliche Müdigkeit. Als gehe gar nichts mehr. Das Aufstehen, Frühstücken, sich fertig machen, ist schon so anstrengend wie eine große Bergwanderung. Da kann doch etwas nicht stimmen, es muss doch ein Organ erkrankt sein, vielleicht doch das Herz. Die Ärzte in der Klinik haben sich bestimmt geirrt. Ob sie sich noch einmal durchchecken lassen soll. Eine zweite Meinung?

Jetzt ist sie erst einmal krankgeschrieben. Aber wie soll das weitergehen? Im Augenblick scheint es unvorstellbar, wieder das alte Pensum zu schaffen. Aber sie will doch funktionieren. Sie will wieder an ihren Arbeitsplatz. Eine Stundenreduktion, Teilzeit? Das geht in ihrer Position gar nicht. Dann müsste sie wieder in die „zweite Reihe“. Aufgeben, was sie erreicht hat? Nein, unvorstellbar! Außerdem brauchen sie das Geld. Der Lebensstandard ist auf beide Gehälter aufgebaut. Die Kredite laufen. Jeden Monat geht eine hohe Summe an die Bank. Es ist alles durchgeplant. Sie darf nicht schwächeln.  

Aber es ist ihr alles zu viel. Die Kinder spüren es. Bei der Frage: „Mamma bist du krank?“, bricht sie in Tränen aus. Sie will doch eine starke Mutter sein, ein Vorbild. Alles soll so weitergehen. Der Kopf sagt: „Reiß dich zusammen.“ Der Körper tut einfach nicht mehr das, was ihm befohlen wird. Wie eine Verweigerung.

Es kommt der geplante Urlaub. Die Familie fährt wie gewohnt ans Meer. 5-Sterne-Hotel, all inclusiv, damit sie sich endlich einmal um nichts mehr kümmern muss. Die Kinder sich auch zufrieden, viele Spielgefährten und Animationsprogramm. Sie hofft auf eine Erholung, um danach wieder durchzustarten. Ihr Chef hat Verständnis gezeigt und ihr noch Extratage gewährt, Überstunden hat sie ja zu genüge, ab 100 wird nicht mehr gezählt. Ein einmaliges Schwächeln wird ihr verziehen. Sie war ja sonst immer im Einsatz und hat viel für die Firma geleistet. Sie soll sich Zeit lassen. Aber über allem steht die Erwartung, dass sie dann wiederkommt und wie früher weiterarbeitet. Eine zweite Schwächeperiode steht außer Frage, darf es nicht geben, wird gedanklich erst gar nicht zugelassen.

So versucht sie sich „unter Druck“ zu entspannen, das funktioniert natürlich gar nicht. Sie „muss“ aber gesund werden, die Zeit läuft. Sorgenvolle Gedanken kreisen. Was ist, wenn ihre alte Leistungsfähigkeit nicht mehr zurückkommt. Sie ist immer noch kraftlos, müde, wie ausgelaugt.  Sport hat ihr immer geholfen. Vielleicht ist Bewegung besser als erzwungene Ruhe, die in ihr noch mehr Spannung erzeugt.

Windsurfen war während des Studiums ihr Hobby. Sie genoss den Kampf mit Wind und Wellen. Ob sie es versuchen soll? Vielleicht erinnert sich ihr Körper wieder an seine ehemalige Kraft, wenn sie auf dem Brett steht. Sie geht zum Surfcenter und wählt ein schmales kurzes Brett, geeignet für gute bis sehr gute Surfer. Der Wind ist heute stark, das Meer bewegt. Als sie in den Anzug schlüpft, spürt sie seit langem zum ersten Mal wieder das Gefühl von Freude. Sie sucht ein passendes Segel. Ein junger Mann, so Anfang 20, braungebrannt von Sonne und Meer, in Bermudashorts und verwaschenem T-Shirt hält sie fest. Er gehört zum Stuff des Surf-Clubs, einer der Surflehrer. Was sie denn suche? Die Kommunikation wird in Englisch geführt. Er mustert sie. Sie ist empört. „Ich surfe schon seit Jahren und habe viel Erfahrung“, hört sie sich sagen. Er ist skeptisch und gibt ihr ein breites Surfbrett mit dem passenden Anfängersegel. Sie wird immer wütender. Er kennt sie doch gar nicht. Er unterschätzt sie. Sie streitet, sie will das Profibrett, sie ist gut, stark und kann etwas und das in jedem Bereich. Anfänger – paah. Darüber ist sie schon lange hinaus. Sie ist gekränkt. Sie fühlt sich falsch eingeschätzt. Doch der Surflehrer bleibt hart. „Stay under your limit“ ist seine Anweisung, autoritär und unbeeindruckt von ihrer Empörung. Erklärend fügt er hinzu, der Wind sei tückisch, die Strömung stark, und die Wellen nicht zu unterschätzen. Mit dem breiten Brett habe sie wenigstens ein Erfolgserlebnis, könne sich darauf halten und sei am Abend zufrieden. Mit dem Profibrett fiele sie ständig ins Wasser und wäre nach kurzer Zeit schon erschöpft und fühle sich frustriert, ohne Genuss und Spaß. Er dreht sich um und wendet sich anderen Gästen zu. Er hat alles gesagt. Sie ist wütend und empört. Sie will es ihm zeigen, muss sich aber mit dem Anfängerbrett begnügen.

Im Wasser spürt sie die Strömung. Sie kennt das Gebiet nicht. Der Wind hat zugenommen. Die Wellen sind beachtlich. Sie besteigt das Brett und hat Mühe, das Segel zu halten. Es gelingt ihr. Sie spürt Freude aufkommen. Sie spürt aber, dass sie an ihre Grenzen kommt und das mit dem Anfängerbrett. Gut, dass sie es nehmen musste. Es ist gerade richtig bei dem Sturm. Sie genießt das Gleiten. Das Wasser spritzt zu beiden Seiten. Sie nimmt Fahrt auf und hängt sich ins Segel. Es macht richtig Spaß, sie fühlt sich sicher. Einige Male drückt eine Böe sie nieder und sie fällt. Es gelingt ihr wieder Fahrt aufzunehmen, das breite Brett gibt ihr Sicherheit.

 „Stay under your limit“ geht es ihr permanent durch den Kopf. Sie hat verstanden,  gezwungener Massen ist sie zum ersten Mal in ihrem Leben unter ihrer Leistungsgrenze geblieben. Es fühlt sich leicht an, es macht Spaß, sie genießt. Bisher war alles in ihrem Leben ein mühseliger Kampf, sie hat immer mehr gegeben, als sie hatte. Nie fühlte es sich leicht an. Aber wo ist ihr „Limit“, ihre Leistungsgrenze, die sie nicht überschreiten soll? Sie weiß es gar nicht, sie ist wahrscheinlich immer darüber gegangen. Immer, bei allen Lebensentscheidungen. Hat sie sich also immer überschätzt? War ein Ziel nur gut für sie, wenn sie alles gab und noch mehr – so dass sie jetzt keine Reserven mehr hat?

Vom ersten Schultag an, versuchte sie die Wünsche ihres Vaters zu erfüllen. Sie sollte die Klassenbeste sein. Sie sollte, das, was ihm nicht gelungen war, verwirklichen – Abitur, Studium, Karriere – etwas ganz Besonderes darstellen. Was ist eigentlich ihr eigenes Ziel? Ihre eigene Grenze? Sie hat das Gefühl, sie stand ihr Leben lang auf dem falschen Surfbrett. Sie spürte, dass es auch anders geht, leichter, freier, genussvoller, und sie muss keinem Menschen Rechenschaft abgeben, dass sie auf dem Anfängerbrett über das Meer saust, keinen interessiert es auch wirklich. Es geht nur um ihre eigene Zufriedenheit. Sie hat die Wahl.

Der Wind und das Meer haben ihren Kopf durchgepustet, ihre kreisenden dunklen Gedanken sind verschwunden. Sie fühlt sich gut in ihrem Körper. So gut, wie lange nicht mehr. Nach 90minütigem Kampf mit Wellen, Wind und Meer fährt sie zurück an den Strand und bringt das Brett, das Segel und den Anzug zurück in das Surfcamp. Sie begegnet dem braungebrannten jungen Mann mit dem ausgeblichenen T-Shirt; dieser ist beschäftigt, er nimmt nur kurz Kontakt zu ihr auf. Ihn interessiert nur, ob sie heil zurückgekommen ist, ob das Material in Ordnung ist und wünscht ihr einen schönen Abend. Ihm ist es nicht wichtig, welche Leistung sie vollbracht hat. Sie muss sich nicht rechtfertigen, nichts erklären, höchstens vor sich selbst.

„Stay under your limit“ wird zu ihrem neuen Lebensmotto. Sie hat verstanden. Dieser Satz wird ihr Leben verändern……..

 

Kommentar: Dieser Ausschnitt aus einer Lebensgeschichte ist repräsentativ für die Problematik einer Vielzahl von jungen erfolgreichen Frauen zwischen Mitte Dreißig und Mitte Vierzig, die in den letzten 10 Jahren zu einer psychotherapeutischen Behandlung in meine Praxis kamen.  Sie ist in ihren Details realistisch dem Leben entnommen, jedoch durch die Zusammenstellung nicht für eine bestimmte Frau zutreffend. Es werden sich jedoch viele darin wiederfinden. Es entsteht die Frage nach der eigenen Leistungsgrenze. Zahlreiche Menschen, besonders Frauen, spüren sie nicht mehr. Bei so vielen sind die Ziele durch Eltern, Gesellschaft, Freundeskreis vorgegeben. Sind es noch die eigenen Ziele? Ist es mittlerweile zu einem gesellschaftlichen Phänomen unserer Zeit geworden: die chronische Überforderung?

Auf etwas verzichten, das wollen wir heute nicht mehr, denn theoretisch ist ja alles möglich.  Auf der bewussten Ebene wird das Leben völlig durchgeplant, unabhängig davon, ob der Körper und/oder die Seele, die terminierten Projekte verkraften.  Und wenn wir schon einmal auf der Überholspur sind, ist ein Innehalten, eine Umkehr oder ein Wegänderung oft nur mit dem Gefühl des Scheiterns verbunden. Das, was wir uns vorgenommen haben, muss mit allen Konsequenzen realisiert werden. „Geht nicht – gibt’s nicht“ wird uns schon von der Werbung suggeriert. Das heißt, Kehrtwenden werden von vorne herein schon ausgeschlossen.  Laut Aussage vieler Lehrer und Lehrerinnen scheint dieses Phänomen schon bei den Grundschülern der Übertrittsklassen an Wichtigkeit zu zunehmen. Führt der an die Kinder abgegebene Ehrgeiz der Eltern schon früh zu chronischer Überlastung? Ist ein Zusammenbruch in der Lebensmitte die unausweichliche Folge?

Denn plötzlich macht der eigene Körper nicht mehr mit. Die Notbremse zu ziehen, muss dann ärztlich verordnet werden.

 

 

 

 

Lebensbaum – Baum des Lebens

Von Brigitte Zakaria

Beim Besuch dementer Menschen in einem Pflegeheim legen diese mir stolz ein Gemeinschaftsbild hin, welches sie gerade alle zusammen gemalt und geklebt haben -  „der Lebensbaum“  war der Kommentar der Sozialpädagogin, die mit der Gruppe gewerkelt hat. Ob diese liebenswerten alten Menschen spüren, dass sich das Leben zu Ende neigt? In meinem Kopf gingen die Gedanken von diesem Bild weg zu vielen anderen Baumbildern: Lebensbaum – Baum des Lebens – Baum als ein altes Symbol, mit dem wir alle so Vieles verbinden. Als Ärztin und Psychotherapeutin liegt mein Schwerpunkt mehr auf den emotionalen und sinnlichen Assoziationen zum Baum des Lebens. Ein anderer würde vielleicht eher die religiösen oder spirituellen Aspekte in den Vordergrund stellen. Das Thema ist still, vielleicht ein Winterthema, wenn man mehr Zeit hat, sich mit den kontemplativen Dingen des Lebens zu beschäftigen. Aber es ist ein Thema, das eine unbewusste Anziehung auf fast alle Menschen ausübt, ob klein oder groß, jung oder alt.

 

Wer kennt das nicht, das wundervolle Gefühl auf einen alleinstehenden Baum zu zugehen, sich unter sein schützendes Blattwerk zu stellen und nach oben in den Himmel zu schauen. Die Sonnenstrahlen glitzern und werden an den grünen Blättern reflektiert, die sich zart im leichten Wind  bewegen. Ein Lichtspiel entsteht, das uns bei längerem Hinschauen in eine leichte Trance versetzt. Die einzelnen Konturen verschwimmen; es entsteht ein Begehren, sich in dem Glitzern zu verlieren. Wenden wir unseren Blick dann nach unten auf den Boden, so entdecken wir, dass sich mächtige Wurzeln aus dem Erdreich emporwinden und in einem festen Stamm enden. Je nach Art und Alter des Baumes hat dieser eine feste Rinde gebildet, die sich hart und wulstig oder zart und glatt anfühlt. Was dieser Baum wohl schon alles erlebt hat? Bei der Berührung scheint er zu uns zu sprechen und seine Geschichte zu erzählen. Oft ist es eine beruhigende und energiespendende Kraft, die von einem majestätischen Einzelbaum ausgeht, denn er hat schon so vieles überstanden: die dörrende Hitze des Sommers, die Stürme des Herbstes, Hagel, Schnee und klirrende Kälte des Winters. Allen Naturgewalten zum Trotz spießt dann im Frühjahr wieder das zarte Grün der neuen Blättchen. So spiegelt der Baum, besonders der Laubbaum in den gemäßigten Klimazonen, alljährlich aufs Neue den Lebenszyklus des Menschen wieder. Es ist die Abfolge von Blühen, Wachsen, Früchtetragen und Winterruhe, die den menschlichen Lebenszyklus von Geboren werden, Wachsen, Fortpflanzen und Sterben symbolisiert.

Manchmal spüren wir den Impuls, den Stamm zu umarmen oder uns an ihn anzulehnen, weil wir uns mit ihm verbunden fühlen. Kinder machen es den Vögeln gleich, sie beginnen ihn zu erklettern und verstecken sich im Blattwerk auf höheren Ästen. Gehen wir mit Kindern in den Wald, so gibt es schöne Spiele, die dazu anregen, den Baum mit den Sinnen wahrzunehmen. Auf einem liegenden Baum mit bloßen Füssen zu balancieren, lässt uns die glatte oder runzelige Borke mit der Fußsohle spüren. Ein Butterbrotpapier an den Baumstamm gehalten und mit einer Wachsmalkreide vorsichtig darüber gerieben, macht es möglich die Struktur der Borke abzupausen, und wir erhalten ein wunderschönes abstraktes Bild. Besonders im Frühjahr, wenn die neue Vegetationsperiode wieder beginnt, lässt sich der Saftstrom des Baumes mit einem Stethoskop abhören. Besonders bei Bäumen mit dünner Rinde hören sich der Strom des von den Wurzeln aufgenommenen und von unten nach oben fließenden Wassers und der Strom der Nährstoffe vom Blattwerk zum Stamm an wie ein leichtes Rauschen. Hier spüren wir unmittelbar, dass der Baum lebt. [1]

Der Förster Peter Wohllebens hat von den Bäumen die „Langsamkeit“ gelernt. Das Alter der jungen Buchen in seinem Revier, die ein bis zwei Meter hoch sind, kann er anhand der kleinen Knospen auf den Zweigen bestimmen. Sie sind an die 80 Jahre alt. „Sich ausreichend Zeit nehmen“, das ist das Prinzip der Bäume, das macht sie stark.[2]

So ist es nicht verwunderlich, dass der Baum als „Baum des Lebens“ in der Menschheitsgeschichte bei zahlreichen Völkern ein mythologisch-spirituelles und religiöses Symbol war und auch heute immer noch nicht an Bedeutung verloren hat. Ein Baum wird gepflanzt, wenn ein Kind geboren wird. Hier ist die Analogie des beginnenden Lebens mit dem Wachstum des Baumes sehr deutlich. Aber nicht nur beim Beginn eines neuen Lebens, sondern auch am Lebensende hat sich ein aus der Schweiz kommendes Begräbnisritual auch in Deutschland etabliert. In einem sog. Friedwald wird die Asche des Verstorbenen an die Wurzel eines ausgesuchten Baumes verteilt, mit dem Gedanken, dass die Elemente des Verstorbenen in dem Baum weiterleben werden. So können die Angehörigen anstatt an einem Grab, am Fuße des ausgewählten Baumes in Zwiesprache mit dem Verstorbenen treten.[3]

Die Ähnlichkeit in der Struktur zwischen Baum und Mensch führt zu einer unmittelbaren Symbolik. Anthroposophische, psychologische und auch spirituelle Betrachtungen sehen im verzweigten Wurzelwerk des Baumes  eine Analogie zum Unbewussten, zur „Seele“, zu den Gefühlen oder auch dem „Mütterlich-nährenden“. Wir sprechen davon „seine Wurzeln verloren zu haben“ und denken dabei an eine Veränderung in geographischer, sozialer, kultureller aber auch in moralischer Hinsicht. Ein Baum, der nicht durch sein Wurzelwerk stabil in der Erde verankert ist, kann durch Naturgewalten, wie Stürme, leicht umgeworfen werden. Dieses Schicksal erleiden alljährlich z.B. die Fichten, die aufgrund ihres schnellen Wachstums und damit verbunden auch erhöhten Ertrags, in Regionen und auf Böden aufgeforstet werden, wo entwicklungsgeschichtlich eher die Buche mit ihren mächtigen langen und tiefen Wurzeln beheimatet ist. Im übertragenden Sinne geht es auch Menschen so, die nicht gut dort „verwurzelt“ sind, wo sie gerade leben. Der Baumstamm bildet das stabile Gerüst für den Transport des Wassers und der Nährstoffe. Er dient dem Baum als statisches Gerüst, das die Krone trägt. Hier gibt Analogien zur Wirbelsäule und dem Rückenmark, in dem Nervenbahnen geschützt liegen, die Informationen von oben nach unten und unten nach oben, d.h. vom Gehirn zur Peripherie und von der Peripherie wieder zum Gehirn weiterleiten. Der Baumstamm, wie die Wirbelsäule, gibt dem jeweiligen Lebewesen Stabilität, beim Menschen auch im übertragenen Sinn. „Rückgrat zeigen“ bedeutet so viel wie trotz aller Widrigkeiten seine Position beibehalten und „ungebeugt“ vertreten.

So besitzt der Baum in der psychologisch-psychotherapeutischen Arbeit eine wichtige Symbolfunktion. Im Märchen „Aschenputtel“ wächst der Haselnusszweig, den Aschenputtel in seiner Trauer um die verstorbene Mutter auf deren Grab pflanzt und mit seinen Tränen begießt, zu einem großen kräftigen Baum. Hier verweist der Baum als Symbol des Lebens auf die nach der langen Phase der Trauer wiederkehrenden Lebenskräfte. Häufig werden in der psychotherapeutischen Arbeit Imaginationen eingesetzt, um innere psychische Konflikte und Abwehrformen deutlich zu machen. Dabei hat die Imagination des Baumes eine wichtige Selbsterkenntnisfunktion. Unter Anleitung des Therapeuten (-in) wird der Klient (-in) gebeten, sich selbst als einen Baum vorzustellen. Das imaginierte Bild sagt vieles über das eigene Verwurzelt-sein, die Standfestigkeit, die Möglichkeiten sich zu entfalten, zu blühen, fruchtbar zu sein, sich im Wachstum oder in der Ruhephase zu befinden aus. Die Besprechung des imaginierten Bildes gibt dem Klienten (-in) und dem Therapeuten (-in) einen tiefen Einblick in das unbewusste seelische Erleben.[4]

Die Bewohner der Wohngruppe 1 des Seniorenheims Theresienbad waren erstaunt. Sie sollten viele unterschiedliche Holzknöpfe auf ein Blatt kleben. Ein wenig skeptisch, aber dennoch neugierig machten sie sich an die Arbeit. Als dann die Therapeutin mit einem großen Pinsel und dunkelbrauner Farbe schwungvoll breitere und schmalere Linien zwischen die einzelnen Knöpfe auf die Pappe malte, hatten es alle verstanden. Sie hatten gemeinsam einen Lebensbaum mit wunderschönen Früchten geschaffen. Es war ein gemeinschaftliches Erlebnis, sie hatten alle zusammen ein wunderschönes Bild erstehen lassen, welches jetzt die Wand des gemeinsamen Wohnzimmers ziert. Ein Baum des Lebens – ein Symbol der Hoffnung auch in dieser späten Phase des Lebens, in der alles schon schwierig wird. Aber die Erfahrung, dass wir immer noch etwas schaffen – erschaffen – können, gibt Freude und eine Sinnhaftigkeit, die für einen Moment alles Leid vergessen lässt.

      Abb.1: Der Baum des Lebens[5]

 

 

 

Weiterführende Bücher und Links:

Brändlein, K., Grafberger, U.: Naturwerkstatt Wald, AT Verlag, Aarau-München, 2010.

Dorst, B.: Therapeutisches Arbeiten mit Symbolen. Wege in die innere Bilderwelt. Kohlhammer, Stuttgart 2007.

Schmitt,P.-Ph.:Wald-Bestattungen.7.11.2013. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/wald-bestattungen-zurueck-zur-natur-12651564.html, abgerufen 1.5.17

Wohllebens, P.: Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren. Ludwig Verlag, München 2016.
 

[1] Brändlein, Grafberger 2010

 

[2] Wohllebens 2016
 

[3] Schmitt 2013
 

[4] Dorst 2007
 

[5] Mit freundlicher Genehmigung von Alexandra Jaap (soziale Betreuung) und der Wohngruppe 1 des Seniorenheims Theresienbad, Greifenberg